es gibt regisseure, die verlangen von mir einfach, dass ich das kino aufsuche. nur wenige sind es. aki kaurismäki ist einer davon.
bis jetzt gab es keinen einzigen film von ihm, der mich nicht von der ersten bis zur letzten sekunde wie in einer liebevollen umarmung an sich gedrückt hätte. "ariel" zum beispiel, oder der film "das mädchen aus der streichholzfabrik", aber auch "i hired a contract-killer".
derzeit läuft sein neuester film "lichter der vorstadt" im stadtkino am schwarzenbergplatz, das ist übrigens das einzige kino, das diesen film spielt, da halten sich die großen cine- multi- und megaplexxen zurück, das interessiert ja zu wenige menschen, derartige filmkunst kommt ja nicht an bei den massen. die mehrheit will ja im kino "stars" sehen, also bekannte gesichter, und wenn schon nicht das, so doch wenigstens ein paar ordentliche explosionen, ein paar regelwidrige stunts, ein paar spektakuläre morde, tief ergreifende melodramen oder sehr ans herz rührende liebesgeschichten. das findet sein publikum; und das publikum lernt in diesen filmen, die in den großen --plexxen gezeigt werden, so manches über das leben in filmen.
hauptfiguren zum beispiel. in filmen. das müssen gewinner sein. und wenn sie schon keine gewinner sind, so doch bemerkenswerte schurken, die am ende mit einem knall abtreten. wenn das in einem film nicht passiert, ist das publikum am ende ratlos, bleibt mit fragen zurück, die nicht leicht beantwortbar sind, und wendet sich mit dem argument ab, der film sei "unglaubwürdig" oder aber schlicht "misslungen".
gestern also war ich im kino bei aki kaurismäki, und der film "lichter der vorstadt" hat wirklich weniges von dem, was wir in den letzten jahren an kino gewöhnt sind. schon der ort der handlung ist kaum mehrheitsfähig: helsinki ist eine trübe stadt, es gibt dort nichts, was es im winter nicht auch in wien gäbe, also wozu dann ins kino gehen, denken sich vielleicht manche. geht man nicht gerade im winter häufig ins kino, weil es ja kalt ist, weil man ja da drinnen sein kann, und nachher bei kaffee und kuchen noch schnell ins starbucks, bevor man wieder heim ins bett geht? ist kino nicht ein ort der erholung, mit schönen menschen in schönen ländern? nein?
helsinki also, wie so oft bei kaurismäki, oder sogar immer? ich denke, es ist kaurismäki relativ egal, wo er seine geschichten erzählt, weil der ort nicht wesentlich ist. theoretisch könnte der film auch in wien spielen, oder in berlin, oder in new york. lediglich die sprache, die in diesem kino in der originalversion zu hören ist (denn eine synchronisation wurde nicht gemacht) ist eben finnisch, und dadurch spielt der film eben dort, wo er spielt, aber dennoch ist der ort egal.
es sind diese geschichten, die ich so an kaurismäki schätze: diese situationen, die auf den ersten blick so trist und trüb wirken, und doch ein derart subtiles leuchten haben, dass man alles rund um sich vergisst. es gibt in diesem film eine szenenfolge, in der die hauptfigur des filmes in ein gefängnis kommt, wo sie ein jahr bleiben muss. dieses jahr dauert in dem film fünf, vielleicht zehn minuten. mit ganz wenigen bildern zeigt kaurismäki, dass ein jahr vergeht, während die figur in diesem jahr sich um keinen millimeter vor- oder zurückentwickelt hat: eiszapfen an einer überwachungskamera, blüten im frühlingswind... lediglich ein einziges mal sehen wir ihn mit seinen mithäftlingen an einer mauer sitzen und lächeln, etwas, was er in freiheit nie getan hat.
ja, es gibt weniges in dem film, das "aufregend" ist oder "heroisch", und doch: in jedem bild steckt eine wahrheit, die sich offenbart, und der film als ganzes ist eine schule des sehens, wie sie eindringlicher kaum sein könnte. wenn der frisch aus der haft entlassene in ein café geht und dort einen kaffee trinkt, und am tisch eine rote nelke steht, während er seinen kaffee alleine trinkt und aus dem fenster schaut, dann passiert auf einer unaussprechlichen ebene derart viel.
hiermit sei der film "lichter der vorstadt" von aki kaurismäki also empfohlen. auf das wärmste. gerade jetzt, an der schwelle zur kalten jahreszeit, tut die herzenswärme sehr gut, die dieser film ausstrahlt. im stadtkino. am schwarzenbergplatz.
david ramirer - Mittwoch, 1. November 2006, 20:04
"Es gibt in der Kunst keine Grenze zwischen Ernst und Scherz.
Wenn beide vollendet im Ausdrucke sind, können sie fortlaufend wechselweis ineinander übergehen.
Sie gehören derselben Ebene an: Stimmen im süßen Spiele, verschiedene Segmente der Orchesterpalette, wie Streicher und Bläser.
Weiter Nichts." (1960)
aus: Heimito von Doderer, Repertorium, Beck`sche Reihe, 1969
david ramirer - Sonntag, 29. Oktober 2006, 19:01
ganz so wie im letzten beitrag zynisch angemerkt war es ja doch nicht: es
war etwas los heute.
ich bin meinen
zweiten lauf gelaufen, den herbstmarathon im prater, zwar
nur zehn kilometer (was ja nicht einmal ein halber, also nur ein viertel, aber irgendwie dann ja gar kein marathon ist), aber für mich ist das schon eine leistung, weil ich ja erst seit kurzem renn und noch vor vier monaten etwa nach 2,5 kilometern schon schlapper war wie ein alter waschlappen.
also ein "personal mountain", und auf die kommt es an, und da ist es ganz egal, ob es der hermannskogel ist oder die eiger nordwand. oben muss man sein und die gipfelluft spüren, das ist es was zählt.
und heute war ich oben, und die luft war herrlich.
und ich habe es nach
50 minuten und 51 sekunden sogar ins ziel geschafft (30. von 42 läufern in meiner altersklasse m-30)! beweisfoto:

(bild: danke an mutti)
bitte kaufen sie doch mal ein frühstücksbrötchen beim ströck - der stellt diese schönen aufblasbaren zieleinlauf-würste bei laufveranstaltungen hin, also finanzieren sie es ihm :-)
tag gerettet.
auch wenn anderswo plastikkühe umfallen.
david ramirer - Sonntag, 29. Oktober 2006, 15:36